Die Ausrichtung “sucherorientierter” Gottesdienste
“Sucherorientierte” Gottesdienste haben zum Ziel, Menschen zu erreichen, die mit dem christlichen Glauben keine, wenige oder schlechte Erfahrungen gemacht haben. Die (Haupt-) Zielgruppe solcher Gottesdienste ist also nicht eine bestimmte Altersstufe (wie das bei Jugendgottesdiensten der Fall ist), sondern es sind diejenigen Menschen, die auf der Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen (Wo komm ich her? Wo geh ich hin? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was ist der Sinn meines Lebens?) sind.
Die WillowCreek - Bewegung nennt solche “sucherorienterte” Gottesdienste “Gästegottesdienste”. Ein Gästegottesdienst besteht oft aus folgenden Elementen:
- Begrüßung durch einen/mehrere Moderatoren, die durch den Gottesdienst führen
- themenbezogene Lieder als “Lückenfüller” - als Rahmen zum Nachdenken über das Thema
- Vorbereitung der Predigt durch ein themenbezogenes Theaterstück
- Predigt zu einem bestimmten Thema (d.h. meist nicht speziell zu einem Bibeltext)
- meist wird sich bei der Formulierung des Themas viel Mühe gegeben um damit einladen zu können
- oft wird die Kurzfassung der Predigtinhalte und Bibeltexte durch Powerpointfolien an die Wand “geworfen”
- die Predigt hat meist 3 Hauptpunkte
- in der Predigt wird oft logisch argumentiert (schließlich sollen die “Sucher” den Gedankengängen auch folgen können)
Lobpreis mit Nicht-Christen?
Welchen Platz kann eine Lobpreiszeit in einem solchen Gottesdienst einnehmen? Passt Anbetung überhaupt in einen “sucherorientierten” Gottesdienst? Hat es einen Sinn, Lobpreis mit Nicht-Christen zu machen?
Solche Fragen wurden in meiner Gemeinde in den letzten Jahren disskutiert und ich will im folgenden meine Sicht der Dinge schildern.
Kurz zum Hintergrund:
Die Citychurch Würzburg feiert seit 2003 jede Woche Gottesdienst im Kino. Ursprünglich waren die Gottesdienste für “Sucher” gedacht. Da sich einige (viele) von ihnen bekehrt haben, hat sich auch die Ausrichtung des Gottesdienstes etwas verändert. Momentan bestehen die Predigten aus einer guten Mischung aus evangelistischen Elementen, aber auch mit tiefergehenden Themen (z.B. zum Thema Nachfolge).
So wie die allgemeine Ausrichtung des Gottesdienstes dynamisch ist, verhält es sich auch mit dem Einsatz von Musik. Ganz am Anfang der CC wurden säkuläre Lieder gecovert, um es den Besuchern (Gästen) zu ermöglichen, mitzusingen. Sehr schnell hat sich aber ein Lobpreisteil (Umfang: ca 20 min) etabliert, der den Anspruch hat, Menschen in die Gegenwart Gottes zu führen (das unterscheidet sich deutlich von thematisch begleitenden Liedern).
Ist Lobpreis für “Sucher” abstoßend?
Nun könnte man sagen, dass es für einen Gast, der das erste Mal einen Gottesdienst der Citychurch besucht (oder der überhaupt zum ersten Mal einen Gottesdienst besucht) sehr befremdlich sein kann, wenn zu Beginn des Godis 20 Minuten lang ihm völlig unbekannte - meist textlich nicht sehr rationale - Lieder gesungen werden. Das mag sein. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass das für die meisten nicht der Grund ist, warum sie sich in einem Gottesdienst (oder einer christlichen Gemeinschaft) unwohl fühlen.
Natürlich ist es für einen Lobpreisleiter nicht ganz einfach, eine solche Lobpreiszeit vorzubereiten. Einige Dinge sind zu beachten, die man in einem reinen (gemeindeinteren) Lobpreisgottesdienst nicht zu beachten braucht:
Mit dem Ziel, dass auch ein Nicht-Christ etwas mit den Liedern anfangen kann, ist es ratsam zu manchen Liedern oder Bildern, die in den Songs vorkommen, etwas zu sagen. Zum Beispiel hat das Bild des Königs, das sehr häufig in Worshipsongs vorkommt, heute bei vielen eine ganz andere Bedeutung als die biblische. Manchmal kann es besser sein, ein Lied wegen der Verständlichkeit ganz wegzulassen. Weiterhin ist es ratsam, in den Gebeten nicht zu sehr “kanaanäisch” zu reden.
Wenn man nun auf bestimmte Dinge achten muss, warum verbannt man den Lobpreis dann nicht ganz in die interen Treffen?
evangelistischer Charakter von Lobpreis
Lobpreis ist für mich das, was aus einem Menschen heraussprudelt, wenn er Gott kennen lernt oder immer besser kennen lernt (das muss nicht unbedingt durch Musik zum Ausdruck kommen).
Lobpreis ist für mich ein Bekenntnis zu meinem Schöpfer, Vater und Retter.
Lobpreis heißt für mich über Gott und seine Eigenschaften nachzudenken und meine daraus resultierende Ehrfurcht, Freude und Anbetung auszudrücken.
Warum haben wir Probleme damit, dies öffentlich zu tun? Die Antwort ist wahrscheinlich ganz einfach: Häufig ist es Menschenfurcht. Es ist die Furcht, nicht verstanden zu werden, abgelehnt zu werden oder sogar verlacht zu werden. Diese Ängste kommen bestimmt nicht von Gott und sollten deswegen kein Argument sein, Lobpreiszeiten aus (”Gäste-”)Gottesdiensten zu verbannen.
So gesehen ist es zwingend notwendig, dass Lobpreis nicht im privaten Kreis passiert, sondern in der
Öffentlichkeit (z.B.: Gästegottesdienst). Lobpreis hat einen Zeugnischarakter. Wenn jedem im Raum klar ist, dass es um die Anbetung und Ehre Gottes geht, dann finde ich das sehr positiv und nicht abschreckend. Allerdings muss man dazu sagen, dass man als Lobpreismusiker immer wieder in der Gefahr steht, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und nicht Gott. Wenn das passiert, verliert der Lobpreis seine Kraft.
Die Juden können uns im “Zeugnis geben” ein Vorbild sein: Sie beten öffentlich auf der Straße und bekennen sich so zu ihrem Gott.
Gott erleben im Lobpreis
Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass manche Gottesdienstbesucher, die noch keine persönliche Beziehung zu Gott hatten, davon berichten, dass sie Gott im
Lobpreis gespürt haben. Das ist echt genial. Das ist auch das Ziel einer Lobpreiszeit: Gott spüren (emerging
). Das ist natürlich nicht produzierbar. Aber das krasse ist ja, dass Gott sowieso da ist:
“Von Anfang an war es sein Plan, dass die Völker Gott suchen und auf ihn aufmerksam werden sollten und ihn finden würden - denn er ist keinem von uns fern.” (Apg. 17,27)
Das größte Hemmnis auf der Suche nach einer “Gottesbegegnung” sind meist wir selbst und unsere Gedanken, die sich um uns selbst drehen.
Lobpreis als Ausdruck der Gemeinschaft untereinander und mit Gott
Ein weiterer positiver Effekt von Lobpreis kann sein, dass Menschen, die uns dabei beobachten, merken: “Die Christen stehen zusammen und preisen gemeinsam ihren Herrn.”
Das ist in unserer heutigen egoistischen und individualistischen Gesellschaft ein tolles Zeugnis!
Von der Finsternis ins Licht
Gott mit ehrlichem Herzen zu loben kann nie falsch sein. In einem Gästegottesdienst sollte man natürlich darauf achten, Gäste nicht “abzuschrecken”. Aber eine gewisse Portion an Unbekanntem hält jeder aus, ohne gleich wegzurennen (das Reich Gottes unterscheidet sich eben etwas von der Welt) . Mein Wunsch ist es, dass Menschen von der Finsternis ins Licht Gottes kommen (1Petr 2,9).
Schön, wenn Gott dazu auch unsere menschlichen Bemühungen der Gottesdienstgestaltung benutzt 